Meine Lösung für harte Momente: Arzneimittel

... spezielle fragen zu therapien und medikamenten an angeh. psychologen

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Ausbruch
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Meine Lösung für harte Momente: Arzneimittel

Beitrag von Ausbruch » Sa Okt 26, 2013 3:25 pm

Vorweg: Dies ist keine Empfehlung ein Arzneimittel einzunehmen. Dieser Erfahrungsbericht dient rein Informationszwecken. Ich übernehme weder Verantwortung noch Haftung für jegliche Nebenwirkungen/Folgen. Bitte sprecht vor einer Einnahme mit Eurem Arzt oder Apotheker. Jeder Mensch ist Unterschiedlich und vorallem wenn man irgendwelche "Leiden" hat, wie z.B. Herzprobleme oder ähnliches, sollte man vor einer Einnahme unbedingt mit einem Spezialisten sprechen, ggf. unter Beaufsichtigung bleiben.

Zu meiner Person:
Ich leide seit unzähligen Jahren unter Erythrophobie. Eine Psychotherapeutische Behandlung habe ich noch nicht probiert.(Es fehlt immer an Zeit, Mut und Entschlossenheit)
Mein Kopf ist jeden Tag, vorallem auf der Arbeit, damit beschäftigt mich nicht im Mittelpunkt stehen zu lassen. (Was denken die Anderen über mich?)
Sollte ich unvorbereitet in den Mittelpunkt rücken, zum Beispiel bei Besprechungen, dann dauert es nicht lange bis mein Kopf stark errötet und schwitzt - die Aufmerksamkeit Anderer lähmt mein Denken, Sprechen und meine Bewegungen - die Muskeln verspannen sich im Nackenbereich derart, dass mein Hals und mein Kopf anfängt zu Zittern - Lächeln und Entspanntheit auszustrahlen ist dann auch nicht mehr möglich, da die Mundwinkel ebenfalls anfangen zu zittern - die Symptome verschwinden nicht, auch wenn ich nicht mehr im Mittelpunkt stehe solange ich mich am selben Ort befinde. Heisst ich muss immer der Raum oder den Ort verlassen damit die Errötung und der Schweiss zurückgeht. Folge ist dann immer das ich Schweissgebaded aus Besprechungen komme.
Bei meinem Bürojob führt diese Tatsache zu einem einsamen Leben. Essen in der Kantine sowie bei Weihnachtsfeiern finden nur noch mit Unterbrechnungen(Flucht aus der Situation und dem Ort, unter falschen und unsinnigen Vorwänden, Klo oder Handyanruf) oder gar nicht mehr statt.

Meine Kollegen mögen mich und ich mag meine Kollegen - nur versteht keiner was mit mir los ist... selbst ich nicht.


MEDIKATION:

Durch einen Zufall bin ich auf ein Muskelrelanx Arzneimittel gestoßen. Es ist verschreibungspflichtig und mein Hausarzt hat es mir eigentlich für meinen verspannten Nacken (starke Muskelverhärtung) verschrieben.
Nebenwirkungen sind bei mir: Müdigkeit, Fahruntüchtigkeit, Schwindel und wackelig auf den Beinen sofern grad aufgestanden nach dem Liegen.

Eigentlich nehme ich bei meinem Beruf keine Arzneimittel, da ich vollste Konzentration benötige - aber an diesem Tag war mein Nacken so schmerzhaft verspannt, dass ich mich entschied das Mittel doch einzunehmen... zum Glück muss ich nicht mit dem Auto zur Arbeit.

Ich wurde sehr müde auf der Arbeit, konnte mich aber gerade noch so konzentrieren sodass es keinen bemerkbaren Einfluss auf meinen Job hatte.

Nach einigen Sozialen Situationen ist mir aufgefallen, dass ich gar keine Wärme im Gesicht verspürte und nur der mir bekannte Schweiss unter Achseln, Händen und Füßen sich bemerkbar machte. In diesen Situationen hatte ich früher immer Wärme und Schweiss im Gesicht. Bedeutet also, dass ich zwar die Situation immernoch unangenehm und komisch fand, sich aber die Symptome nicht alle zeigten. Auch hatte ich das Gefühl, dass ich weniger Angstzustände verspürte.
Ich war verblüfft. So verging der Tag und ich habe es dabei belassen. Es ist schließlich ein Arzneimittel und sollte vorsichtig und nur in Ausnahmefällen genutzt werden.
Trotz meiner Erythrophobie habe ich es geschafft eine Frau fürs Leben zu finden und mit dieser ging es dann auch vor kurzem zum Geburtsvorbereitungkurs!
Leute - ein Geburtsvorbereitungskurs! Was gibt es nicht schlimmeres für einen Erythrophobiker? Neue unbekannte Menschen, stöhnende Frauen und Männer, man muss sich der Gruppe vorstellen und im Mittelpunkt stehen, Babyfragen und eigene Ängste ansprechen, komische Stellungen und Massagen durchführen, Atemtechniken...usw!
Ich war kurz davor den Termin abzusagen... aber habe mich dann doch dafür entschieden, da ich meine Frau nicht alleine lassen wollte. Ich habe mich an meinen Joker erinnert... das Arzneimittel. Was solls... eingeschmissen und hingefahren.(Frau war am Steuer)
Ich muss zugeben, dass Mittel hat mich ein wenig ausgeknockt. 30min nach der Einnahme war ich so richtig müde und platt. Es war ein harter Kampf zwischen Wachbleiben und Einschlafen, aber ich habe es mit viel Wasser überstanden und nach 2 Stunden konnte ich wieder relaxt mitmachen.
Viel Wichtiger war jedoch - das Wunder hatte sich wiederholt - ich hatte keinen roten und schwitzigen Kopf. Ihr könnt gar nicht glauben wie toll sich sowas anfühlt.(Ohne die Einname eines Arzneimittels zu verharmlosen, ich empfehle dies nicht)

Da mich das Arzneimittel so umgehauen hatte(Müdigkeit) - beschloss ich es beim nächsten mal zu halbieren - auch vor dem Risiko doch erröten zu können. Schließlich war es gestern so weit - es stand eine Gruppenbesprechung auf der Arbeit an und ich hatte einige Fragen in Petto und mir war klar... Bleich komm ich aus der Nummer nicht raus...
Ich halbierte also die 4mg Tablette, sodass ich 2mg Einnahm. Die Tablette habe ich diesmal kurz vor der Besprechung eingenommen - da ich eine geringe oder gar keine Wirkung befürchtete.
Es hatte funktioniert, ich wurde nur ein wenig müde - das erröten blieb aus, lediglich Füße, Achseln und Hände schwitzten wie immer stark.
Es war unglaublich das ich frei sagen konnte was ich wollte und die Menschen mein Unwohlsein nicht in meinem Gesicht erkennen konnten.

Jetzt gerade in diesem Augenblick - ohne das ich Menschen um mich herumhabe und ich diese Zeilen schreibe - schießt mir blut in meinen kopf und ich spüre die Wärme... unglaublich... zwar nicht so schlimm wie vor einer Gruppe Menschen... aber bemerkbar.


Ich habe mich dazu entschieden den Namen des Arzneimittels nicht öffentlich zu machen. Ich will weder animieren, noch ermutigen, noch werbung für das Mittel machen. Redet bitte mit Eurem Arzt ob er Euch mit gutem Gewissen ein Muskelrelanx-Arzneimittel verschreiben kann. Vielleicht habt Ihr ja Irgendwann eine Muskelverspannung?! Ggf. kann ich später den Namen nachreichen - auch wenn nur per PN - ich würde es aber bevorzugen wenn IHR mit Vorsicht und Bedacht und einem Arzt an die Sache dran geht.
Was mich angeht... ich gucke ob ich mein Selbstwert mit dieser Nummer soweit steigern kann das ich es nicht mehr brauche und werde es nur in absoluten Notfällen nutzen.

Besten Dank fürs lesen.

samurai
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Beitrag von samurai » Sa Okt 26, 2013 7:35 pm

Hallo Ausbruch,

schön zu lesen das du ein Mittel gefunden hast das bei dir scheinbar zu einer deutlichen Symptomentlastung führt. Noch schöner zu lesen finde ich aber, dass du trotz deiner Ängste deinem Beruf nachgehen kannst, mit deiner Frau glücklich zu sein scheinst und ihr bald ein gemeinsames Kind haben werdet.

Eine Selbstmedikation birgt aber auch immer gewisse Risiken, dessen du dir zwar scheinbar bewusst bist, aber dennoch halte ich es für wichtig in diesem Zusammenhang noch einmal für alle Leser darauf hinzuweisen.

Ob der Wirkstoff von dem du berichtest ein physiologisches Abhängigkeitpotential besitzt kann ich nicht sagen. Die Gefahr bei der Einnahme von Medikamenten (natürlich auch Drogen) für bestimmte, gezielte Zwecke birgt aber immer ein psychologisches Abhängigkeitspotential und kann darüber hinaus den Angstkreislauf aufrechterhalten oder sogar verstärken. Ob du durch die sporadische Einnahme deines Medikamentes an dein Ziel kommst, solltest du also bitte kritisch reflektieren.

Es besteht die Gefahr, dass dieser Wirkstoff eine Form von Sicherheitsverhalten einnimmt und du dich auf lange Sicht damit eher einschränkst. So etwas kann relativ schnell passieren, Ansätze beschreibst du selbst wenn du schreibst : "Ich war kurz davor den Termin abzusagen...", "Ich habe mich an meinen Joker erinnert... das Arzneimittel.".

Deine Gedankengänge kann ich absolut nachvollziehen, sie sind völlig menschlich. Vielleicht gibst du dem Thema Psychotherapie nochmal eine Chance, und wenn du es parallel machst mit dem Weg, den du jetzt einschlägst.

Ich wünsche dir und deiner Familie alles Gute!

samurai

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Ausbruch
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Beitrag von Ausbruch » Sa Okt 26, 2013 7:59 pm

Hallo Samurai,

Du hast Vollkommen recht. Die Risiken der Medikamentenabhängigkeit sowie der Psychologischen Abhängigkeit sind nicht zu unterschätzen.
Ich werde versuchen mich zu einer Therapie durchzuringen - leider fällt mir dies besonders schwierig da ich eine Erziehung genossen habe nach der alten Schule - nicht auffallen, psychische Probleme darf man nicht haben und solche Menschen die welche haben sind nicht normal... Usw. Sicherlich meinten es meine Eltern nicht böse - sie haben wahrscheinlich nur selber Angst vor unbekannten Sachen gehabt. Von weitem betrachtet ist es nichts schlimmes, es steckt aber tief in einem drin. Sich zu öffnen und nicht verstanden zu werden wäre das schlimmste.
Zum Arneimittel werde ich versuchen den nötigen Abstand zu wahren. Im besten Falle es nicht mehr einsetzen. Vorallem jetzt als Familienvater sollte man schauen das man es nicht verschlimmert.

Schönes WE!

samurai
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Beitrag von samurai » So Okt 27, 2013 10:24 am

Hallo Ausbruch,

deine Befürchtungen bzw. die Hemmungen die mit deiner Erziehung bzgl. des Aufsuchens einer Therapie einhergehen sind sehr gut nachzuvollziehen. Es wäre falsch zu sagen eine Therapie zu beginnen wäre leicht, und sich einem zunächst fremden Menschen gegenüber zu öffnen macht die ganze Sache nicht einfacher.
Es gibt keinen Menschen auf der Welt der nicht psychische Probleme/Schwierigkeiten hat, dass ist alles eine Frage der Dimension. Genauso hat jeder Mensch irgendwann irgendeine Form von körperlichen Beschwerden. Die Zeiten haben sich ja zum GLück geändert, sodass man heute weitaus seltener komisch angeguckt wird wenn man eine Therapie macht. Die Leute, die einen komisch angucken, tun dies meist aus Angst oder Unsicherheit heraus, verbergen eigene Sorgen und Probleme. Es wird immer um den Menschen gehen und nicht um seine "Störung", dass wird oft vergessen. D.h. wenn du eine Therapie beginnst, tust du das ja nicht deswegen weil du rein aus einer Störung besteht, du bist ja durchaus mehr als nur ein Symptom!

"Sich zu öffnen und nicht verstanden zu werden wäre das schlimmste. ", ist vielleicht sogar schon ein Teil dessen, was mit den Errötungsängsten thematisch zusammenhängt. Wenn du es also schaffst, zumindest probeweise, die Angst/Befürchtung zu überwinden und einmal zu schauen ob du nicht einen Therapeuten/Therapeutin findest, bei dem/der du dich verstanden fühlst, hast du doch schon eine Menge erreicht!

Ich kann dich dazu also nur ermutigen!

Dir auch ein schönes Wochenende.

lg

samurai

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