Ich bin zurück - ohne die Ery.

... hier gibt es alles zum thema erröten

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Kai25
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Ich bin zurück - ohne die Ery.

Beitrag von Kai25 » Mo Feb 10, 2020 12:26 pm

Hallo ihr Lieben!

Nach sehr langer Zeit bin ich wieder auf dieses tolle Projekt gestoßen.
Bis vor etwa 15 Jahren war ich noch recht aktiv hier, denn in der Zeit hatte die Ery mich und mein Leben total im Griff. Ich hatte soviel darüber gelesen, mich mit anderen Betroffenen ausgetauscht, es gab auch Treffen, ich hatte verschiedene Ärzte durch, hatte mit viel Unverständnis und Verharmlosung zu kämpfen... mein Leidensweg war lang.
Heute, mit 42 Jahren, kann ich sagen, das ich praktisch frei von der Erythrophobie bin. Eigentlich schon etwa 10-12 Jahre.
Ich neige weiterhin dazu, leicht zu erröten, aber ich habe den Teufelskreis im Kopf überwunden, der daraus eine Phobie macht und das Erröten erst zu einem Problem macht. Nur wie kam es dazu??
Ich kann nur sagen was ich vorher unternommen habe, was dann im späteren Verlauf tatsächlich zu einer dauerhaften Entspannung des Problems führte. Bei mir war es so, das ich erst die Angst vor dem Erröten loswerden musste bzw. typische Situation durften im Vorfeld nicht diese Denkmuster in mir auslösen, die hier sicher jeder kennt. Mich hat das damals fast wahnsinnig gemacht und nach allen möglichen Experimenten mit Bachblüten, Magnesium oder Johanniskraut bin ich in meiner Verzweiflung auf Paroxetin, also einem Antidepressivum (Serotoninwiederaufnahmehemmer) gekommen. Es fand sich ein Neurologe, der mir das Medikament gerne verordnet hat, ich war ja total im Thema und er sagte wir versuchen es.
An dieser Stelle möchte ich darauf hinweisen, das ich lange nicht mehr im Thema bin, ich absolut nicht weis welche Möglichkeiten es heute gibt und es grundsätzlich immer sehr individuell ist, welcher Weg nun zum "Erfolg" führt.
Auf jeden Fall sorgte die Einnahme von diesem Paroxetin (nach anfänglichen recht unangenehmen Nebenwirkungen) dazu, das ich tatsächlich nach und nach viel entspannter mit dem Problem umging. Es löste eine gewisse Gleichgültigkeit in mir aus, denn die angstlösende Wirkung blockierte in den meisten Fällen diese vielen Gedanken die einem im Kopf kreisen, bevor es zum Erröten kommt. Ich habe mich ja meist schon lange vor Situationen, in denen ich erröten könnte in diesen Denkprozess gebracht, der schließlich das Problem erst entstehen ließ, ob es nun beim Friseur oder einem Vortrag in der Schule war, ich hatte schon Angst, bevor ich tatsächlich in der Situation war. Genau das hatte sich mit dem Wirkstoff deutlich gebessert. Natürlich war auch das kein Wundermittel, aber es half mir doch ganz enorm, mich daran zu gewöhnen, das ich nicht zuviel darüber nachdenke, das es Erröten nicht annähernd so schlimm ist, wie ich es mir immer eingeredet hatte und mir auch die Reaktionen der Leute auch mehr und mehr egal wurden, wenn ich doch noch errötete. Es war plötzlich nicht mehr mein alles bestimmende Problem in meinem Alltag. Irgendwann, so nach ca. 4 Jahren, wollte ich das Medikament wieder loswerden, denn es gab einige Nebenwirkungen wie z.B. gelegentlich starke Stimmungsschwankungen, die ich nicht weiter hinnehmen wollte. Ich habe es abgesetzt bzw lanmgsam "ausgeschlichen" und ich merkte dann auch wieder eine gewisse Unsicherheit. Ich wurde wieder etwas anfälliger, verfiel aber nie wieder in diese schlimmen Denkmuster und konnte nach und nach ganz ohne Angst vor dem Erröten leben. Jetzt muss ich leider unterbrechen weil ich los muss. Es ist halt wichtig, das jeder Betroffene für sich einen Weg findet, eine andere Sichtweise auf das Erröten zu bekommen. Denkt man anders darüber, hilft es ganz enorm.

Viele Grüße
Kai

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Kai25
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Ergänzend dazu

Beitrag von Kai25 » Mo Feb 10, 2020 1:50 pm

Nun kann ich weiter schreiben. Auch wenn ich schreibe, dass mir ein verschreibungspflichtiger Wirkstoff geholfen hat, der recht stark den Hirnstoffwechsel beeinflusst, möchte ich noch unbedingt darauf hinweisen wie wichtig es war, viel an mir selbst zu arbeiten, mich z.B. auch bewusst schwierigen Situationen auszusetzen und alltägliche Dinge immer wieder zu üben, gerade wenn sie mir sehr unangenehm waren. Das Medikament hat mir ermöglicht an mir effektiv zu arbeiten, es hat mir nicht einfach so die Ery genommen. Es wäre falsch, wenn nun jemand denkt, er könne mit so einem Medikament gleich ein neues Leben anfangen. Ich habe damals auch von einigen gehört und gelesen, denen Antidepressiva nichts genützt haben, aber dafür andere Wege für sich finden konnten. Ich kann auch die Leute verstehen, die solche Medikamente verteufeln und die Augen verdrehen wenn jemand wie ich sie als mögliche Hilfe anpreisen. Es wird über viele Möglichkeiten berichtet, wie man die Ery in den Griff bekommen kann. So habe ich persönlich es geschafft und davon wollte ich berichten. Als Anleitung soll das bitte nicht verstanden werden.
Ich hoffe ihr findet euren weg und es geht euch bald so gut wie mir :wink:

redds89
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Re: Ich bin zurück - ohne die Ery.

Beitrag von redds89 » Do Feb 13, 2020 8:25 pm

Hi,

kämpfe auch schon seit der Grundschule mit der Ery.
Bin nun 30 Jahre alt und mir sind dadurch sehr viele Chancen im Leben flöten gegangen.
Denkmuster, bestimmte Situationen vermeiden, nicht auffalen hauptsache nicht rot werden, kennen wir ja alle.
Bei mir ist es auch extrem, was andere Leute von mir denken bzw. halten will halt perfekt sein.

Durch meine Sozialphobie bin ich auch in eine Alkoholsucht geraten, hält sich aber derzeit in guten Grenzen.

Das rot werden ist in den Wintermonaten bei mir leider sehr ausgeprägt, vorallem das sehr lange anhaltende ein HORROR für mich
z.b nach einem Gespräch mit dem Chef, Arzt... nach einigen sehr heftigen Attacken im Job vor einigen Jahren suchte ich nach Lösungen.
Bin dann hier im Forum auf Betablocker gestoßen. Ich nehme nun seit 6 Jahren täglich die Betablocker, welche mir helfen bisschen cooler durch den Altag zu kommen.

Moon
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Re: Ich bin zurück - ohne die Ery.

Beitrag von Moon » So Feb 16, 2020 5:11 pm

Hallo Redds89,

ich habe auch sehr stark unter dem Rotwerden gelitten und ab und zu passiert mir das mit 60 Jahren immer noch, aber selten und ohne dass es mich beeinträchtigt.
Das fing so in der Pubertät an und war dann sehr stark ausgeprägt.
Etwa 30 Jahre lang habe ich mich vor wichtigen Situationen, wo ich sonst immer rot geworden bin (z.B. Vorträge vor vielen Leuten) , mit Autogenem Training und sog. "formelhaften" Vorsätzen etwa zwei bis drei Wochen vor dem Ereignis

"In Spannungssituationen bin ich ganz ruhig"
"Vor vielem Menschen rede ich ruhig und selbstsicher"
"Rotwerden lässt mich ganz gleichgültig"

ganz gut präpariert. Das wirkte extrem gut wie so eine Hypnose, die Wirkung war dann jeweils ein zwei Wochen sehr stark, ging, dann aber langsam wieder weg. Dass ich das alles nicht so wichtig nehmen sollte mit dem Rotwerden habe ich mir auch immer wieder gesagt, aber geholfen hat es auch nur begrenzt. Geholfen hat auch ein sich ein bewusstes Hineinbegeben in Situationen. Aber die Wirkung war auch eine zeitlich begrenzte. Insgesamt hat mich das Rotwerden ab er nicht sonderlich beeinträchtigt (Beruf, Partnerschaft, Familie mit Kindern etc.).
Durch eine mehrmonatige extreme Überbelastungssituation in meiner Führungsposition und damit einhergehendem Stress mit meiner Frau habe ich dann aber eine erste einige Einzelstunden, dann aber Gruppentherapie gemacht (mit gutem Psychologen und netter Gruppe; Körperarbeit, Familienaufstellung u.a.). Dabei kamen dann die Folgen eines tragischen Unfalls meines damaligen 5jährigen Bruders (ich selbst war damals zwei) und auch starke Trauer und Ängste zum Vorschein, die ich aber nie wirklich zugelassen, sondern verdrängt habe. Seitdem ich verdrängte Trauer und Verlust durchlebt und mir Anspannung/Angst in manchen Situationen zugestanden habe und mir zugestehe, und sie mir jeweils bewusst mache (z.B. wenn von Gesprächen und Beurteilungssituationen mit der Personalabteilung die Beförderung meiner Mitarbeiter abhängt), hat sich das auch mit dem Rotwerden ohne die eingangs genannten Techniken weitestgehend erledigt.
Das ist ein anderer Weg - einer den ich vielen vorschlagen würde, wenn sie die Chance dazu haben.

Liebe Grüße
Moon

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